Die Dynamik einer Roda macht Spaß, bietet aber auch lehrreiche Erfahrungen. In der Roda geht es nie ums bloße Gewinnen. Capoeira kann nicht alleine gespielt werden. Es braucht dazu eine Gruppe. Auf diesem Bewußtsein wächst das Gefühl für eine Gemeinschaft. Ein Capoeirista spielt auf kreative Art und Weise, um so wachsen zu können. Das Spiel, das auch Kampf ist, ist nie egoistisch. Die Erkenntnis, dass wir nur dank unserer Mitmenschen wachsen und uns verwirklichen können, lässt weniger uns als unser Umfeld ins Zentrum rücken.
Capoeira öffnet einen Einblick in die reiche brasilianische Kultur. Von der Zeit der Sklaverei bis heute steht dabei das Instrument des Widerstandes und die Sehnsucht nach Freiheit im Zentrum. Aus dieser Kraft wurde Capoeira geboren und durch Kreativität und Naturbeobachtungen im üppigen Urwald Brasiliens weiter entwickelt. Capoeirista zu sein bedeutet, aufmerksam dem Leben gegenüber zu sein, mit all seinen Tücken, Höhen und Tiefen.
Sicher überliefert ist, dass mit der Kolonialisierung Brasiliens im 16. Jahrhundert durch die Portugiesen ein neue Epoche in der Geschichte Brasiliens begann. Die Portugiesen erkannten sofort den natürlichen Reichtum des Landes. Auf Grund des Menschen verachtenden Weltbildes sahen sie in der Sklavenarbeit ein ideales Instrument, um den Reichtum wirtschaftlich für sich zu nutzen. Anfangs nutzten sie die Arbeitskraft der in Brasilien lebenden Indianer. Dies funktionierte nicht auf Grund der Eigenarten der Indios und ihrem Widerstand gegen die Zwangsarbeit.
Sie starben in der Sklaverei oder flohen in noch freie Gebiete. Die Kolonialherren suchten nach Lösungen und begannen mit der Versklavung freier afrikanischer Völker. Es begann ein Handel mit dem schwarzen Mann, der vom afrikanischen Kontinent in die neue Welt verschleppt wurde. Es war der Beginn einer großen Tragödie, die die brasilianische Gesellschaft brandmarkte. Eine Zeit der Qualen, das Gesetz der Unterdrückung durch die Peitsche und des Todes als Herrscher über die Arbeitsverhältnisse begann.
Erst wurden Hunderte, dann Tausende von Afrikanern gegen ihren Willen gefangen und nach Brasilien verschifft. Mit ihnen erfuhr das Land enorme Veränderungen. Die afrikanische Kultur war anders. Sie wurde nicht in Büchern und Museen aufbewahrt, sondern in den Körpern, dem Geist, dem Herzen und der Seele der Menschen. Die afrikanischen Sklaven brachten ihre Kultur, ihre Erfahrungen und den Samen der Freiheit mit, der auch in der Sklaverei nie abstarb.
Erste Quellen beschreiben Capoeira als einen rabiaten Kampftanz der Sklaven. Capoeira in der damaligen Zeit hatte wohl wenig Ähnlichkeit mit der heute praktizierten Form. Wahrscheinlich wurde Capoeira von den Sklaven oft im kargen Buschland, das nach Brandrodungen des Waldes für spätere Pflanzungen wieder nachwuchs, praktiziert. Diese gerodeten Flächen wurden in der Sprache der Indios "capu era" genannt. Vielleicht ein Hinweis, woher der Name Capoeira stammen könnte.
Obwohl die Entfernungen damals auf dem Land riesig waren und es zwischen den Sklavengruppen kaum Möglichkeiten zum Informationsaustausch gab, entwickelte sich Capoeira langsam weiter. Dank dem Verkauf von Sklaven an andere Besitzer oder durch ihre Flucht wurde Capoeira immer bekannter. Dabei spielte auch der Sklavenmarkt eine wichtige Rolle. Auf großen Märkten trafen sich die Sklaven mit ihresgleichen, konnten Informationen austauschen und später auch kleine Feste mit Tänzen, Gesang und ersten Capoeira Vorführungen organisieren.
Durch den zunehmenden Informationsaustausch ergaben sich neue Möglichkeiten für die Sklaven. Sie konnten sich besser über Fluchtmöglichkeiten und Routen zu den Quilombos informieren. Quilombos war die Bezeichnung für Ansiedlungen geflohener Sklaven, die meistens fernab von den portugisieschen Ländereien versteckt im Busch entstanden. Die Quilombos waren ein Schmelztiegel, in dem sich die Religionen, Kulturen und Traditionen der unterschiedlichen afrikanischen Völker intensiv inspirierten.
Die größten kulturellen Einflüsse kamen dabei von den Völkern der Nago und der Bantus. Man vermutet daher, dass sich Capoeira in den Quilombos besonders schnell verbreiten konnte.
Hier konnten Slaven in relativer Freiheit ihre Kultur leben. Die Quilombos sind aber auch deswegen so bedeutend, weil sie eines der wichtigsten Symbole für den Kampf nach Freiheit und Einheit der afrikanischen Völker in Brasilien darstellen.
Durch die Abschaffung der Sklaverei im Jahr 1888 verbesserte sich die Situation der ehemaligen Sklaven nicht wirklich. Viele fanden sich zwar frei, aber auf der Straße wieder, ohne Arbeit, Unterkunft und Essen. Weil sie keine andere Möglichkeit hatten zu überleben, nahmen Raub und Plünderung stark zu. Dabei bedienten sich viele Capoeiristas der Capoeira als Hilfsmittel für ihr kriminelles Tun. Damit änderte sich auch das Image der Capoeira. Capoeiristas wurden bald als Kriminelle und Ganoven betrachtet. Von 1890 bis 1937 wurde Capoeira gesetzlich verboten, unter Strafandrohung von zwei bis sechs Monaten Gefängnis.
Die Anfänge des 20. Jahrhunderts waren geprägt von ständigen Konflikten zwischen der Polizei und kriminellen Banden. Der Capoeirista dieser Zeit war ein Malandro, ein Krimineller und Experte beim Austeilen von Golpes (Tritte), Rasteiras (Fußfeger), Cabecadas (Kopfstöße), der auch Waffen wie Rasierklingen und Macheten benutzte. Die Capoeiristas nutzten als Banden öffentliche Feste um zu rauben, sich zu prügeln und Unordnung zu stiften.
Das Verbot und die ständige Verfolgung mit der Polizei hatte zur Folge, dass Capoeira langsam verschwand. In einigen Teilen Brasiliens andererseits entwickelte sich Capoeira zu der rituellen Kampf-Tanz-Form, in dem die Berimbau, als wichtigstes Musikinstrument, die Roda rhythmisch leitet.
Die Einführung der Capoeira Regional durch Mestre Bimba (Manoel dos Reis Machado) war dann ein extrem bedeutsamer Schritt hin zur Legalisierung der Capoeira und zur Rettung seines Wertes. Capoeira löste sich von dem kriminellen Image und entwickelte sich hin zu einem bedeutenden kulturellen Erbe. Zur gleichen Zeit war es Mestre Pastinha (Vicente Ferreira Pastinha), der mit der Capoeira Angola voran schritt, um damit auf die Vermischung der Capoeira Regional zu reagieren und eine reine Capoeira Form zu bewahren. Sein Stil des Capoeira Angola verbreitete sich, um sich klar und deutlich vom Stil der Capoeira Regional abzusetzen.
Im Jahre 1937 wurde die Capoeira gesetzlich zugelassen und entwickelte sich von diesem Zeitpunkt in ganz Brasilien rasant weiter. Es begann ein sozio-kultureller Aufstieg und die Capoeira betrat als kulturelle Ausdrucksform die Szenerie. Capoeira fand sich in der Musik, in den plastischen Künsten, der Literatur und im Schauspiel wieder. Die dunkle Epoche seiner Geschichte, in der Capoeira mit all seinen Ausdrucksformen von der Gesellschaft vollständig ausgegrenzt wurden, war beendet. Capoeira hatte sich zum Kulturerbe des brasilianischen Volkes entwickelt. Capoeira entstand und überlebte, dank der afrikanischen Bevölkerung Brasiliens, ihrem Widerstand und Überlebenskampf unter harten und schwierigen Bedingungen sowie ihrem ewigen Kampf nach Freiheit. Durch seine Veränderungen im Laufe der Zeit wurde aus der Capoeira jedoch etwas rein Brasilianisches.